Über den Künstler
Michael Smidt an der Staffelei, 1968
Michael Smidt in seinem Atelier, 2000
Zufall und Alltag: Die Kunst hat viele Seiten
Michael Smidt hatte nicht nur die besondere Fähigkeit, sehr genau zu beobachten, sondern auch in Dingen des Alltags das Potenzial für künstlerischen Ausdruck zu sehen. Immer wieder schärfte er seinen Entdeckergeist und entwickelte aus dem zufällig Entstehenden etwas Neues. So wurde ein ungeplanter Farbklecks von ihm nicht als Makel gesehen, sondern als Katalysator für die eigene Kreativität: Er wurde zu einem gegenständlichen oder figürlichen Motiv umgedeutet und bescherte damit dem Bild sogar einen unerwarteten Twist – für Michael Smidt eine reizvolle Herausforderung. Auch das Malen im Freien bei veränderlichen Wind- und Wetterverhältnissen hielt immer wieder Überraschungen bereit, die er unmittelbar in die Werke mit aufnahm.
Streichhölzer als „Markenzeichen“ am Fensterbrett im Eingang zur Künstlerresidenz
Bank mit Streichholz
Die Einbeziehung seiner Umgebung und des Alltags in den künstlerischen Schaffensprozess war Michael Smidt ebenso wichtig. Seine Gestaltungsfreude erfasste daher auch die Dinge des Lebens: Eine Sprosse der Sitzbank stilisierte er zu einem abgebrannten Streichholz oder eine Türfüllung zu einer Kartusche für ein Zitat von Georges Braque. Selbst die Sanitärräume wurden durch deren künstlerische Ausgestaltung zu einem sprichwörtlichen „locus amoenus“ verwandelt.
Die „Wand-Ausstattung“ des WCs in der Künstlerresidenz
Heiliger Bim-Bam, 1999
Experimentierfreude hat auch Michael Smidts Herangehensweise an die Herstellung der Bildträger geprägt. Er kreierte und fertigte selbst die Bildtafeln, erprobte unterschiedliche Formate und ging über klassische Gestaltungstraditionen der Ölmalerei hinaus. Das Ergebnis reicht von sehr schmalen Tafeln und über die Ecke montierten Friesen bis hin zu ungewöhnlichen, polygonalen Formen. Die eigenständige Herstellung dieser Malgründe aus Holz- und Spanplatten mit integrierten Rahmen war nicht nur eine ökonomische Arbeitsweise, sondern hat es Michael Smidt auch erlaubt, unabhängig und rasch zu arbeiten.
7-eckiges 2013
Zwei bemalte Türen in der Künstlerresidenz mit Porträts
Über die Ecke montiertes Wandgemälde, bestehend aus zwei Teilen, 2007
Gegenständlichkeit und Abstraktion
Der Großteil von Michael Smidts Werk ist durch die konsequente Suche nach einer Verbindung von figurativer und abstrakter Gestaltung gekennzeichnet. In den 1970er-Jahren dominierte noch eine altmeisterliche, akkurate, nahezu fotorealistische Malweise, ausgeführt in Kunstharztechnik, die vor allem eines erzielen sollte – eine möglichst überzeugende illusionistische Wirkung. Diese ging meist mit Anklängen an den Surrealismus einher.
Ab den 1990er-Jahren verabschiedete sich der Künstler jedoch endgültig von der gegenständlichen Malerei, die er zuvor bevorzugt hatte. Ein Weg, der sich bereits ein Jahrzehnt früher, vor allem in den kleinformatigen Gouachen, angekündigt hatte. Für Michael Smidt war diese vollkommene Hinwendung zur Abstraktion laut eigener Aussage ein notwendiger und logischer Schritt in seiner Auseinandersetzung mit der Bildhaftigkeit der Malerei. Sie bedeutete für ihn eine Hinwendung zur „Innenwelt“ und eine Möglichkeit der Befreiung. Konkret: Das Abweichen von der dinglichen Welt erlaubte ihm mehr Spontaneität und Experimentierfreude und das Zulassen überraschender, neuer Ergebnisse.
Plakat-Entwurf, 1999
Die Selbstständigen Kleiderbügel, 2003
Kunst als Kommunikationsmedium
Michael Smidt scheute sich nicht vor der kritischen Auseinandersetzung des Publikums mit seinen Werken. Im Gegenteil: Er liebte den Diskurs und forderte selbst durch provozierende Titelgebungen oder ermunternde Äußerungen im Gespräch dazu auf. Die Kommunikation über das Medium der Malerei war für ihn nicht nur ein Mittel des persönlichen Ausdrucks, sondern auch eine Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten und wiederum Inspiration für neue Werke zu sammeln. Mit Witz und zum Teil schwarzem Humor begegnete er seinem Publikum und überließ es den Betrachter*innen, was sie in seinen Bildern sahen.
Michael Smidt als junger Maler mit Staffelei, 1964
Michael Smidt mit seinem Bild „Die Gitarre“, 1968
Malkurs in Klein-Mariazell
Besonders lag Michael Smidt auch die Kunstvermittlung am Herzen. In Malkursen in Wien und Klein-Mariazell vermittelte er Kunstgeschichte, lehrte Maltechniken, gab fachliche Ratschläge und arbeitete gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern an neuen Werken. Viele der Stunden fanden im Freien unter dem großen Kastanienbaum statt.
Mit welchen drei Eigenschaften ich Michael Smidt beschreiben würde:
allürenfrei, verlässlich, vertieft.Was ich mit ihm verbinde:
Malen in seinem Atelier in der Kölblgasse & Espresso im Café an der Ecke Rennweg.Das besondere für mich an seiner Kunst:
Seine Bilder, v. a. die kleinen, mal eben so aus dem Handgelenk gepinselten haben oft witzige und charaktervolle Elemente – wie ein Augenzwinkern, das einem vermitteln möchte, alles/das Leben(?) nicht zu ernst zu nehmen.Beeindruckt hat mich, wie gut er das „Handwerk“ beherrscht hat, wie sehr er aus dem Inneren heraus gemalt hat und wie komponiert seine Bilder dennoch waren.
In dankbarer Erinnerung bleibt mir, wie offen und wertschätzend er mit mir als Laie und meinem Bild umgegangen ist.
Mariella P., Schülerin
Zitate als Kunstgriff
Vor allem Michael Smidts frühe Werke lassen Einflüsse unterschiedlicher Stilrichtungen erkennen, die zu einer besonderen Vielfalt seines Œuvres führten. Neben der Inspiration durch bedeutende Strömungen macht auch die Einbindung von berühmten Werken der Kunstgeschichte sein Schaffen sehr lebendig. Ob Anspielungen auf Alte Meister, wie im Falle von „Mein kleiner Tintoretto (Badende)“ (1998), „Für Velazquez“ (1980) und „Die Mona liest“ (1988), eine Hommage an den großen Surrealisten Dalí in einem gezeichneten Porträt (1980) oder ein Gemälde mit dem Titel „3 Positionen“ (1998), das wie eine malerisch umgesetzte Version einer aufgeschlitzten Leinwand von Lucio Fontana anmutet. – Rückgriffe auf die Kunstgeschichte und wichtige Vertreter unterschiedlicher Epochen finden sich in allen Phasen seiner künstlerischen Tätigkeit.
Musikalisches Selbstporträt, 1971
